Erfahrungen und Perspektiven der Tätigkeit Berliner Patientenfürsprecher/innen

Bericht der ehemaligen Moderatorin des Arbeitskreises Carola Gold

Seit Juli 1999 organisiert und moderiert Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. den Arbeitskreis der Berliner Patientenfürsprecher/innen und trägt damit dem Bedürfnis nach Kommunikation und Austausch der häufig sehr vereinzelt arbeitenden Patientenfürsprecher/innen Rechnung.


Dieses Engagement ist ebenso wie die Gründung des Berliner Forums Patienteninteressen Ergebnis der vor zwei Jahren stattgefundenden Fachtagung ‚Patienten-Versicherte-Verbraucher', auf der Betroffene und Vertreter/innen aller relevanten Berliner Patientenunterstützungseinrichtungen zu einem Erfahrungsaustausch zusammen kamen.

Wenn nach den Erfahrungen der Patientenfürsprecher/innen gefragt ist, würde ich hier gerne einen Katalog der häufigsten Beschwerden oder besser noch einen Atlas in Sachen Verbesserungspotential in Berliner Krankenhäusern vorlegen. Obwohl der § 25 des Landeskrankenhausgesetzes (ähnliche Regelungen entstanden seit den 70'ern in vielen anderen Bundesländern bzw. wie in München auch auf kommunaler Ebene) die Wahl von Patientenfürsprecher/innen durch die Bezirksverordnetenversammlungen bereits seit 1986 vorschreibt, sind wir von solchen Ergebnissen jedoch noch weit entfernt.

Mit der Einrichtung von Patientenfürsprecher/innen versuchte der Senat, der besonderen Situation von Patient/innen in Krankenhäusern Rechnung zu tragen. Auf den Wechsel aus der vertrauten Umgebung, dem gewohnten Lebensrhythmus in den durchorganisierten Betrieb Krankenhaus reagieren immer noch viele Patient/innen mit Verunsicherung. Dies schwächt in einem Zeitpunkt, wo die Krankheit selbst bereits oft eine angstbeladene Situation geschaffen hat, zusätzlich. Vieles, was über Defizite der Stellung der Patient/innen im Gesundheitswesen bekannt ist, komprimiert und verstärkt sich in diesem Moment. Wie in der gesamten Diskussion wird auch an diesem Punkt deutlich, wie weit entfernt wir in unserem Gesundheitswesen noch von der Realität selbstbestimmter, partnerschaftlich handelnder und behandelter Patient/innen sind.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit hat immer auch ihre ganz individuelle Seite. Krankheit wird subjektiv sehr unterschiedlich wahrgenommen und kann eben auch bedeuten, keine Kraft mehr zu haben, um die eigenen Interessen zu artikulieren und selbstbewusst durchzusetzen. Hinzu kommt, dass die Behandlungssituation, das Arzt-Patienten-Verhältnis auf Vertrauen angewiesen ist und von beiden Seiten her ganz subjektiv geprägt wird.

Dennoch gelten auch für diese Bereiche Grundanforderungen hinsichtlich Betreuung, Kommunikation, Pflege usw. Die Diskussion um diese Standards sollte uns dem Ziel näher bringen, Patient/innen und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt der gesundheitlichen Versorgung zu stellen. Zur Zeit kann dies wohl für Krankenhäuser oft nur hinsichtlich der Krankheit an sich bejaht werden. Ob der Mensch selbst eine entsprechende Behandlung erfährt, ist oft zweifelhaft.
So ist es wohl nicht verwunderlich, wenn alle Patientenfürsprecher/innen die Angst von Patient/innen vor Nachteilen und Repressionen immer noch als einen zentralen Punkt in den von ihnen geführten Gesprächen nennen. Hier drückt sich eine Situation aus, die von Patient/innen häufig mit den Gefühlen der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins verbunden wird.

Ich möchte mit dieser Aussage keine einseitige Schuldzuweisung an die Beschäftigen vornehmen. Patientenfürsprecher/innen werden in der Regel dort hinzugezogen, wo Patient/innen sich nicht bereits selbst artikuliert haben. Wenn dann Ängste formuliert werden‚ "sagen Sie es aber nicht der Ärztin, dem Pfleger" etc., dann scheitert die Gelegenheit zu einem offenen Gespräch. Dies kann ein Hinweis auf Defizite sein, deren Beseitigung im Interesse aller Beteiligten liegt. Denn Patient/innen müssen selbst ihren Heilungsprozess tragen und unterstützen können. Sprachlosigkeit kann dies verhindern und auch für die andere Seite wird das Gespräch durch unausgesprochene Ängste der Patient/innen eher erschwert.

Um so bedeutsamer kann in dieser Situation die Hinzuziehung einer unabhängigen Person sein, mit der ein offenes Gespräch möglich wird. Die Entscheidung über Konsequenzen und weitere Schritte bleibt immer beim Patienten. Gerade dies wird von den Patient/innen als große Erleichterung empfunden. Patientenfürsprecher/innen sind zu Vertraulichkeit und Unabhängigkeit verpflichtet und hierin liegt der ganz große Pluspunkt ihrer Tätigkeit.

Dementsprechend sehen sich Patientenfürsprecher/innen selbst auch zuallererst in der Rolle von Vermittler/innen und erst nachgeordnet in der Rolle von Anwälten der Patient/innen. Aber gerade deshalb können sie wichtige Hinweise auf Mängel, strukturelle Unzulänglichkeiten und möglichen Entwicklungsbedarf signalisieren. Durch Einbeziehung der Patientenfürsprecher/innen könnte so den Krankenhäusern manch teure Studie zur Organisationsentwicklung erspart bleiben.

Vor diesem Hintergrund möchte ich kurz darauf eingehen, dass Kritik der Patient/innen sich überwiegend in Beschwerden über das Essen erschöpfen würde und darin die größte Sorge der Patient/innen läge. Patientenfürsprecher/innen, das ergab eine Erhebung, die Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. über ihre Situation durchführte, geben tatsächlich Beschwerden über Kost und Logis als den absolut häufigsten Beschwerdegrund an. Relativ betrachtet, beziehen sich jedoch 2/3 der Beschwerden auf die medizinische und pflegerische Betreuung, einschließlich von Kommunikations- und Organisationsproblemen. Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang auch der Aspekt, dass Verpflegung ein Bereich ist, in dem es eben auch einfacher ist, Unmut zu formulieren. Es ist ein Nebenschauplatz, auf dem sich Unbehagen viel leichter ausdrücken lässt, als eine verhaltensbezogene Kritik an Ärzt/innen, am Pflegepersonal oder hinsichtlich der Behandlung.

Wenn Patientenfürsprecher/innen sich über ihre Arbeit austauschen, geht es um eine Vielzahl von Problemen. Patient/innen formulieren verschiedenste Sorgen und Ängste, und verschiedenste Informationsbedürfnisse. Empathie ist erforderlich für die jeweilige Situation, denn Patient/innen sind ganz unterschiedlich auf den Eingriff eingestellt. Chronisch Kranke stehen vor anderen Problemen als alte, einsame Mensch aus einem Pflegeheim. In ihrer Tätigkeit stoßen Patientenfürsprecher/innen auf Schnittstellenprobleme, z.B. beim Übergang von Patient/innen aus oder in das Pflegeheim. Und wie auch Patient/innen erleben sie zum Teil selbst fehlende Transparenz in Zuständigkeiten und Entscheidungsstrukturen.

Ehrenamtliche Tätigkeit kann auf diese vielschichtigen Anforderungen nur begrenzt reagieren. Dennoch können Patientenfürsprecher/innen auch eine niedrigschwellige Informationsarbeit leisten und Zugänge zu anderen Patientenunterstützungs- und Beratungssystemen leisten. Und dieses Amt beinhaltet eine große Chance auch unter ‚seismographischen' Gesichtspunkten: Beschwerden können Hinweise auf Entwicklungspotentiale liefern und gefundene Lösungswege sollten in strukturelle Verbesserungen münden.
Im Moment sind wir von dieser Vision jedoch noch weit entfernt. Patientenfürsprecher/innen sind selbst oft unsicher über Grenzen und Möglichkeiten ihrer Tätigkeit. Sie erleben die ersten Monate häufig als den Sprung ins kalte Wasser und werden bei der Ausgestaltung ihrer Aufgaben oft allein gelassen. Der initiierte Arbeitskreis soll hier Abhilfe schaffen. Er ist in das Berliner Forum Patienteninteressen integriert, um so eine Vernetzung mit den anderen Informations- und Beratungseinrichtungen für Patient/innen zu ermöglichen.

Langfristig kann das bestehende Entwicklungspotential jedoch nur genutzt werden, wenn es auch gelingt, in den Krankenhäusern selbst effektive Kommunikationsstrukturen zu entwickeln. Hier entscheiden im Moment noch Zufälle und persönliche Faktoren über die Qualität der Zusammenarbeit und ob sie über den Einzelfall hinaus Früchte tragen kann.


Patientenfürsprecher/innen allein wären sicherlich auch damit überfordert, entsprechende Strukturen aufzubauen. Aber Erfahrungen über gelungene Kooperationen aus einzelnen Häusern können genutzt werden um zu einem Austausch über "Models of good practice" zu kommen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht um die Einbindung der Patientenfürsprecher/innen in die Krankenhausstruktur. Dies könnte zu einer Gefährdung ihrer Unabhängigkeit führen. Was jedoch sinnvoll wäre, ist, die Sensibilität gegenüber Schwierigkeiten und Defiziten, die Patient/innen erleben, zu erhöhen. In einem Klima, wo die Formulierung von Mängeln von Beschäftigten und Krankenhausleitung als Chance zur Weiterentwicklung gesehen wird, erhält auch der Austausch mit den Patientenfürsprecher/innen einen höheren Stellenwert.
Ihre Tätigkeit hat so gesehen ein Potential, das über die Hilfe im Einzelfall hinausgehen kann und mehr bedeutet, als den Sorgen von Patient/innen für einige Minuten ein offenes Ohr zu geben. Vielleicht hatte dies auch der Gesetzgeber im Blick, als in Berlin bestimmt wurde, dass Patientenfürsprecher/innen auch auf Grund eigener Beobachtungen aktiv werden können und ihnen auch die allgemeine Stellungnahme zur Patientenversorgung eröffnet wurde.


In jedem Fall befinden wir uns erst am Anfang dieser Entwicklung. Aber in der Kooperation aller Beteiligten liegt auch die große Chance, die bestehenden Möglichkeiten erfolgreich zu nutzen!